Steirische Riedenweinverkostung in Wien: Ganz klar – Terroir!

Bei der Steirischen Riedenweinverkostung in Wien waren heuer die verschiedenen Terroirs des steirischen Weinlandes im Fokus. 56 steirische Weinbaubetriebe (re-)präsentierten mit ihren Weinen die Unterschiede von Böden und Kleinklima, ebenso wie die Entwicklung ihrer Weine mit den Jahrgängen 2021, 2020 und 2019. Wer noch mehr in die Tiefe gehen möchte, findet im aktuellen Weinguide 2023 „Wein mit Egle“ weitere beste steirische Winzer aus der Südsteiermark und dem Sausal, dem Vulkanland Seiermark und der Weststeiermark.
Text: Klaus Egle

Mein Fazit der gestrigen großen Steiermark-Verkostung im noblen Palais Ferstel in der Wiener Innenstadt ist ganz klar: Die Zeit, als es einen Weinstil gab, den man gut mit klassisch-steirisch oder eben Steirische Klassik beschreiben konnte, ist vorbei. Stand früher bei den steirischen Weinen vor allem Frucht, Frische und die klare Erkennbarkeit der Sorte im Vordergrund, so wird der Stil heute primär durch die Herkunft der Weine, sprich: das Terroir geprägt. Dem trug man Rechnung, indem man dieses Thema bei der heurigen Verkostung in den Mittelpunkt stellte. Bereits im Vorfeld hatten sechs Österreichische Weinexperten, quasi als Leitfaden, Beschreibungen der wichtigsten steirischen Bodentypen – Vulkangestein, Schiefer, Opak, Sandgestein, Kalk und Schotter – verfasst und dargestellt, wie sich die unterschiedlichen Böden auf den Charakter des Weines auswirken.

Foto: Wein Steiermark/Anna Stöcher

Arrivierte und Newcomer

Insgesamt 56 Winzer aus allen Teilen der Steiermark hatten köstliches Anschauungsmaterial mitgebracht, mithilfe dessen man genau diese Unterschiede wundergar herauskonnten konnte. Dabei war das Teilnehmerfeld ein interessanter Mix aus renommierten Betrieben und ambitionierten Newcomern, die den Altersschnitt deutlich senkten. Jedenfalls erfreulich, dass es in der Steiermark, auch wenn man so wie ich schon sehr viele Betriebe kennt, immer wieder etwas Tolles zu entdecken gibt. Apropos entdecken: Für mich, der ich die Rieslinge aus dem Sausal seit Jahren schätze, hat sich diesmal zusätzlich die Welt der Vulkanland-Rieslinge eröffnet. Der junge Simon Engel aus Tieschen legte ein besonders beeindruckendes Dreigestirn hin, ein Name, den ich mir für die Zukunft dick unterstrichen habe, ebenso die Brüder Fischer mit ihrem kleinen, feinen Weingut in St. Anna am Aigen, für die Bio-Weinbau so klar ist, wie die Frucht ihrer Rieslinge. Ebenfalls ganz stark und nach wie vor ein bissl ein Geheimtipp ist Bernd Stelzl aus Leutschach, dessen Sauvignon Blanc von der Ried Hirritschberg selbst in Hitzejahren wie 2018 mit feinnerviger Struktur und Trinkfreudigkeit punktet.

Genossen und Weltmeister

Gleich beim Entrée das Weingut Winkler-Hermaden, ein Musterbeispiel für generationsübergreifendes, nachhaltiges Wirtschaften und ein Leitbetrieb in Sachen biologischen Weinbau und gelungene Kreislaufwirtschaft. Dann Gerhard Wohlmuth, dessen Rieslinge inzwischen nicht nur zu den besten der Steiermark sondern des ganzen Landes zählen und der mit dem Riesling Dr. Wunsch 2021 Maßstäbe setzt. Weiter geht’s beim Weingut Peter Skoff, wo ich die süße Qual der Wahl zwischen Weltmeisterweinen, Verkostungssiegern und sonstigen Spitzen der Weingesellschaft habe – herrlich ist das! Die Weine vom Weingut Elsnegg in Gamlitz hatte ich schon länger nicht verkostet – umso erfreulicher die Serie der Sauvignon Blancs von der Riede Urlkogel: Das typisch Sauvignon, mit Biss, Trinkfreude und Struktur. Trinkfreudigkeit ist auch das Leitmotiv von Hans-Peter Temmel vom Weingut Felberjörgl: Egal ob Morillon, Sauvignon Blanc oder Riesling, seine Weine verbinden perfekt die Würze und Straffheit seiner Höhenlagen mit dem nötigen Schmelz, der sie so wunderbar über den Gaumen gehen lässt. Gleich daneben für mich ein weiteres Ausrufezeichen: Die Weine der einzigen Weinbaugenossenschaft der Steiermark, Erzherzog Johann Weine in Gamlitz repräsentieren einen schönen Querschnitt und ermöglichen einen Terroirverkostung auf hohem Niveau von so unterschiedlichen Rieden wie Königsberg und Saziani im Vulkanland oder Pössnitzberg bei Leutschach.

Foto: Wein Steiermark/Anna Stöcher

Burgunder vom Vulkan

Walter Frauwallner aus Straden zählt für mich längst zu den arriviertesten Winzern der Steiermark, was ihn nicht daran hindert, Jahr für Jahr noch ein Quäntchen besser zu werden. Eindrucksvoll der Dreierpack vom Sauvignon Blanc „Privat“ aus den Jahren 2019 bis 2017 – gut Ding braucht eben Weile. Aus dem selben Revier stammen die Weine von Stefan Krispel, der sowohl die leichte Trink-Muse als auch die komplexen Lagenweine beherrscht, wobei den Burgundersorten, insbesondere dem Grauburgunder, neben dem Sauvignon Blanc eine herausragende Rolle zukommt. Wieder in der Spur sind die vormaligen Goedwinemakers, jetzt heißt das Weingut „Neue Heimat“. Über den Namen kann man diskutieren, über die kompromisslose, minimalistische Ausbauweise der Weine nicht und, Überraschung: Ich koste mit dem Pinot Noir 2016 meinen einzigen Rotwein dieser Veranstaltung und weil ich feingliedrige, elegante Pinots mit floralem Fruchtspiel mag, finde ich ihn sehr gut. Wieder zurück im Vulkanland koste ich bei Daniel Pfeifer, ebenfalls einer der jungen, aufstrebenden Winzer in dieser Ecke, Burgundersorten und Chardonnay vom Sand und Kalkstein. Nicht typisch für das Vulkanland aber für St. Anna am Aigen. Saftige Weine mit viel Spannung, dezent exotisch mit Zitrusnoten beim Chardonnay, zartes Cassis beim Sauvignon – gut so.

Reduce to the max

Den Sauvignon Blanc Ried Theresienhöhe vom Weingut Polz mochte ich schon immer, er ist mit seiner Schieferwürze ein typischer Sausaler und war einer der ersten Weine, die diese typische Charakteristik einem breiteren Publikum zugänglich machten. Die eigentliche DNA des Weinguts sind aber die Sauvignons vom Grassnitzberg und Hochgrassnitzberg: Weine, die mehr Zeit brauchen, seit Frucht und Fülle der Vergangenheit angehören, aber wer warten kann, wird reichlich belohnt. „Alles Zoppelberg“ hieß das Motto bei den Regeles und es lohnt sich, bei dieser vom Kalkstein geprägten Lage den Fokus nicht nur auf die üblichen Verdächtigen wie Sauvignon Blanc zu richten, sondern auch den Muskateller und vor allem die Grauburgunder zu verkosten. „Exzellenz“ heißt der Top-Sauvignon vom Weingut Riegelnegg – Olwitschhof, wo ich nach längerer Zeit wieder einmal verkostet habe. Das ist ganz großer Stoff vom Opok und Sandstein, schon in der Jugend einfach geiles Zeug und dazu mit viel Potenzial. Das hat mit € 42,- seinen Preis aber auch einen entsprechenden Wert. „Reduce to the max“ könnte das Motto der Schauer-Brüder aus Kitzeck lauten, die von ihren Schiefer- und Gneisböden feinst ziselierte, straffe Weine keltern, die nie mit Opulenz auftrumpfen aber Essenzen mit geradezu undurchdringlicher Mineralität sind.

Foto: Wein Steiermark/Anna Stöcher

Weine zum Trinken

Das unweit davon in Heimschuh gelegene Weingut Schneeberger ist den meisten vor allem durch seinen wirklich exzellenten Buschenschank und als Großproduzent von Sturm bekannt. Tatsächlich ist es Johann „Hansi“ Schneeberger Junior aber in den vergangenen Jahren gelungen, ein Sortiment an Charakterweinen von Top-Rieden wie Hochbrudersegg, Kittenberg und Flamberg aufzubauen, das absolut Beachtung verdient. Last but not least möchte ich noch das Weingut Tschermonegg erwähnen, seit drei Jahrzehnten einer meiner Wegbegleiter in der Südsteiermark. Wohnhaft im Paradies am Lubekobel, das die Tschermoneggs mit ihrem Buschenschank und den wunderbaren Weingartenzimmern gerne mit ihren Gästen teilen, hat sich Erwin Tschermonegg nie blindlings dem „Nur-Struktur-Wahn“ verschrieben hat, sondern lieber Weine gekeltert, die den Leuten ganz einfach gerne schmecken. Ich rätsle bis heute, wo da der Fehler sein soll und dass Tschermonegg mit seinem Sauvignon Blanc Ried Lubekogel 2020 soeben bei der großen VINARIA-Riedenweinverkostung den zweiten Platz belegt hat, beweist, dass ich damit nicht ganz allein bin.