Zukunft des Weinbaus: Die Krise ist eine Chance für Österreich

Dass der Weinabsatz weltweit schwächelt, ist eine Tatsache, dass der große Kuchen in Zukunft insgesamt kleiner werden wird, ebenso. Doch bei der Neuverteilung der einzelnen Tortenstücke hat gerade das kleine Österreich durchaus gute Chancen.

Eine Analyse von Klaus Egle

Die Weinwelt befindet sich in einem nachhaltigen Umbruch – auch in Österreich. Dafür gibt es schon länger deutliche Anzeichen und beim Marketingtag der Österreich Wein Marketing (ÖWM) legte die Professorin der renommierten deutschen Weinhochschule in Geisenheim, Simone Loose, die Gründe dafür ganz klar dar. Das sind so simple – aber auch nicht veränderbare – Punkte wie die Demografie. Die geburtenstärksten Jahrgänge der Nachkriegszeit befinden sich jetzt im besten „Weintrinker-Alter“ von 50 bis 65 Jahren, der Nachwuchs fällt schon allein zahlenmäßig deutlich ab. Hinzu kommt, dass ein immer größerer Anteil der Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat und aus Kulturen oder Glaubensgemeinschaften stammt, in denen die Weinkultur keine wichtige Rolle spielt oder Alkohol überhaupt verboten ist. 

Die Sehnsucht nach dem langen Leben

Weitere wichtige Aspekte sind vor allem bei jüngeren Konsument:innen ein ausgeprägteres Körpergefühl, der Trend zur Selbstoptimierung und gesunder Ernährung, ein erhöhtes Bewusstsein für die schädlichen Folgen von Alkoholmissbrauch und die auch durch die sozialen Medien massiv befeuerte Sehnsucht nach Longevity, also einem langen, gesunden Leben. Außerdem ein herausforderndes wirtschaftliches Umfeld mit gesättigten Märkten, steigenden Produktionskosten und Unsicherheiten auf wichtigen Exportmärkten wie der unberechenbaren Zollpolitik der USA.

Keine Insel der Weinseligen

Das Weibauland Österreich ist da keineswegs eine Insel der Weinseligen aber einerseits ist es nun einmal normal, dass sich Märkte verändern und andererseits ist die Lage ja auch nicht ganz hoffnungslos. So empfiehlt die ÖWM als Zukunftsstrategien die verstärkte Ansprache jüngerer Zielgruppen, die Erschließung von neuen Märkten oder den massiven Ausbau des digitalen Weinmarketings. Allerdings: Das alles gilt grundsätzlich auch für alle anderen Weinbauländer in Europa und darüber hinaus.

Womit können die österreichischen Winzer:innen dennoch punkten?

  • Trotz Klimawandel ist Österreich ein Cool-climate-Weinbaugebiet; unsere frischen, fruchtigen und säurebetonten Weine, die ein animierendes Trinkerlebnis bieten, gibt es nicht überall.
  • Der persönliche Kontakt zwischen Winzer:in und Weingenießer:in hat hier Tradition, der klassische Ab-Hof-Verkauf ist wichtiger denn je.
  • Österreich ist ein Vorreiter in Sachen nachhaltigem Weinbau. Das ist zukunftsorientiert und erhält die Natur, die den Rahmen für einen attraktiven Weintourismus bietet.
  • Und schließlich gibt es hier eine Unmenge von gut gemachten, sauberen Weinen mit einem tollen Preis-/Leistungsverhältnis, die Weinprofis vielleicht nur ein müdes Lächeln entlocken aber ganz einfach unkompliziertes Trinkvergnügen bieten – und genau das suchen die meisten Konsumenten.

Agil bleiben und Chancen nützen

Was angesichts des momentanen Krisengeheuls leicht übersehen wird, ist die Tatsache, dass es in der heimischen Weinbranche seit nunmehr vier Jahrzehnten stetig steil bergauf ging. Viele Betriebe haben sich aus kleinsten Anfängen zu soliden Mittelbetrieben, manche auch zu Big-Playern entwickelt, dabei wurde ständig in die „Hardware“, also Keller und Weingärten und natürlich in die Qualität der Weine investiert. Darauf kann man aufbauen. Doch jetzt lautet das Gebot der Stunde für Winzer:innen und Betriebsführer: Agil bleiben, Chancen nützen, die sich auf dem Markt bieten. Bestehende und oft über Jahre aufgebaute Kontakte aktivieren und intensivieren, neue suchen – ob im persönlichen Gespräch oder mit den Mitteln und Kanälen der digitalen Kommunikation. Und natürlich innovativ bleiben: Offene Augen für Trends haben und Dinge ausprobieren, sei es Rosé, Sprudel, alkoholfreier Wein oder Verjus-Spritzer.

Ein Bestandteil unserer Kultur und Lebensart

Mit Sicherheit wird es in den nächsten Jahren zu einer Konsolidierung des Marktes kommen, was eine logische Folge jedes Überangebotes ist. Aber die Weinwelt wird dennoch nicht untergehen und wenn die aktuellen Trends und Verwerfungen zu einem bewussteren und maßvolleren Genuss des Rebensaftes führen, dann kann uns das allen nur Recht sein. Denn umso mehr wird der Wein dadurch zu einem essentiellen Bestandteil unserer Kultur und unserer Lebensart werden.