Für die heutige Generation von Weinliebhaber:innen war er das, was Kaiser Franz Josef für seine Völker gegen Ende der Monarchie war: Immer schon da. Mit 18 Jahren hat Anton Kollwentz die Verantwortung für den Keller, im Jahr 1965 dann gemeinsam mit seiner Frau Margarete den elterlichen Weinbaubetrieb in Großhöflein übernommen. Fast sieben Jahrzehnte lang war er dem österreichischen Weinbau nicht nur verbunden, sondern ist ihm in vielfältiger Art und Weise vorangeschritten. Jetzt hat er im 86ten Lebensjahr seine Augen geschlossen – mit der beruhigenden Gewissheit, dass sein Lebenswerk bei seinem Sohn Andi, dessen Frau Heidi und der ganzen Familie in den allerbesten Händen liegt. Vor 30 Jahren durfte ich ein langes Gespräch mit „Toni“ führen, aus dem dieses Porträt entstanden ist, das ich hier in ungekürzter Form wiedergebe – als Zeichen des großen Respekts, den ich diesem wunderbaren Man entgegenbringe.
Anton Kollwentz: Wenn’s sein muss bis zum Arlberg
Seine „Weinexporte“ in den Westen begannen mit „Pilgerreisen“ bis zum Arlberg und den ersten Wein, den er in ein Barrique-Faß füllte, hat er taxfrei für „hin“ erklärt. Doch heute ist Anton Kollwentz einer der renommiertesten und erfolgreichsten Winzer des Landes.
Arbeitsteilung muß sein. „Ich schreibe nie eine Rechnung“, steckt Anton Kollwentz seine Interessenssphäre im Weinbaubetrieb klar ab, „und ich presse keine Trauben“, ergänzt seine Frau Grete, was freilich nicht heißt, daß sie nur Rechnungen schreibt. Denn neben ihrer tätigen Mithilfe bei der Weingartenarbeit und im Verkauf ist sie für ihren Mann seit Jahrzehnten auch „Coach“ und Weggefährtin auf seinen vielen Reisen, die er erst unternahm um Wein zu verkaufen und später um ihn zu studieren. Denn neugierig und aufgeschlossen gegenüber Neuem war Kollwentz seit jeher und schon bald nachdem er den elterlichen Betrieb im Jahr 1965 übernommen hatte, wurde ihm klar, daß er mit seinem Schulwissen allein nicht weit kommen würde. Genau das aber wollte er schon damals.
Heute kann man wohl unwidersprochen sagen, daß ihm das gelungen ist und es ist kein Zufall, daß gerade er der Präsident der elitären Vereinigung „Renommierte Weingüter Burgenland“ ist. Man hört auf sein Wort, wenn es um Fragen des Weinbaus geht, was nicht von ungefähr kommt, hat er doch seit dreieinhalb Jahrzehnten Kompetenz und Erfolg Steinchen für Steinchen aufgebaut. Jetzt ist das Haus – und nicht nur das, sondern vor allem auch Keller und Weingärten – bestens bestellt, wobei daran in den letzten Jahren immer mehr auch Junior Andi einen wichtigen Anteil hat. Der hochaufgeschossene 69er – übrigens ein exzellentes Weinjahr – steht dem Vater in Sachen Genauigkeit, Sorgfalt und Ehrgeiz um nichts nach und wenn die beiden weinbautechnische Fragen erörtern, kann es auch einem einigermaßen eingeweihten Laien leicht passieren, daß er einmal den Faden verliert und sich denkt, „wovon reden die jetzt eigentlich…?“
Wovon reden die eigentlich…?
Einen Generationskonflikt, wie er sonst in Winzerfamilien eher die Regel als die Ausnahme ist, hat es hier nie gegeben. Andi hat die bestmögliche Ausbildung bekommen, die ihn nach der Klosterneuburger Weinbauschule auch in etliche französische Weinbaubetriebe führte und Vater Anton ermöglichte ihm von Beginn an auch die Umsetzung dessen, was der Junior draußen in der weiten Weinwelt so gelernt hatte. Vater und Sohn respektieren sich und ihre Fähigkeiten gegenseitig und arbeiten intensiv zusammen; natürlich wissen beide, was sie wollen und so kann es schon einmal vorkommen, daß man nicht einer Meinung ist. Da werden dann so salomonische Lösungen gefunden wie im Falle des grandiosen 97er Chardonnays von der Ried „Tatschler“. Der Sohn bevorzugt weniger stark getoastete Barriquefässer, der Vater liebt mehr das stärkere Toasting; also wird der Wein jeweils zur Hälfte in den einen und den anderen Fässern ausgebaut und am Ende zusammengeschnitten – ein Kompromiß, mit dem jeder gut leben kann.
Keine Kompromisse – und da sind sie sich hundertprozentig einig – machen die beiden, was die Qualität angeht. Das beginnt im Weingarten, wo man trotz der für heimische Verhältnisse recht beachtlichen Betriebsgröße von immerhin 14 Hektar, die nötige Arbeit nicht scheut um den Rebstock optimal zu betreuen, vom Rebschnitt über die Bodenpflege bis zur – echten und ehrlichen – Ertragsreduktion, die sich – positiv wie negativ – gnadenlos auf die Weinqualität auswirkt. Doch wenn man die Kollwentz’schen Weingärten als mustergültig bezeichnet, dann muß man den – oder besser gesagt die – Keller des Weinguts mindestens Schmuckstücke nennen. Tatsächlich kann man jeden, der einmal die schönsten Barriquefässer der Welt sehen will, nur nach Großhöflein schicken. Der rot „vinierte“ Mittelstreifen zwischen den innersten Faßbändern ist hier so gleichmäßig gezogen, als hätte ihn ein akademischer Maler gepinselt und kein rotes Tröpfchen verunziert neben dieser Fläche das helle Holz der französischen Barriques. So stehen sie in Reih und Glied als wären sie mit dem Lot ausgerichtet und der ganze Rotweinkeller wirkt – ebenso wie der „Weiße“ und die klimatisierte Vinothek mit einer Vielzahl von alten und Großflaschen – als würde er mit der Zahnbürste geputzt.
Dieselbe Sorgfalt und Liebe läßt man dem Wein angedeihen und das hat – gepaart mit dem nötigen Wissen und Können – dazu geführt, daß das Weingut Kollwentz heute zu den ganz wenigen in Österreich zählt, die sowohl mit ihren Weiß- als auch mit den Rot- und Süßweinen zur absoluten Spitze zählen.
Der ganze Keller wirkt, als wäre er mit der Zahnbürste geputzt.
Zu einer Spitze, die es noch gar nicht gab, als Toni Kollwentz als Heranwachsender immer mit dem Weinheber für den Vater und den Onkel Wein aus dem Keller holen mußte. „Die schmeckten für mich alle gleich sauer“, erinnert er sich heute noch an gemischte Gefühle bei seinen ersten Verkostungsversuchen. Dennoch war er es, der nach dem Tod seines Vaters den Weinbau im gemischten landwirtschaftlichen Betrieb der Eltern übernahm und von da an seinen ganzen Ehrgeiz darin setzte, „daraus etwas zu machen“.
Schon 1963 hat er den ersten Ausbruch außerhalb von Rust gekeltert, was man damals für schier unmöglich hielt, im Jahr 1965 folgte dann die erste Trockenbeerenauslese und 1969 war überhaupt das große Süßweinjahr. Am 22. September starb überraschend der Vater, dann geschah einmal einige Tage nichts in den Weingärten und danach gab es nur noch die Edelfäule Botrytis. Plötzlich saß man auf einer Riesenmenge von 7.000 Litern Trockenbeerenauslesen und mußte nach neuen Vertriebsmöglichkeiten suchen. Also machte sich Kollwentz und seine Frau mit vielen Weinen im Gepäck auf den Weg nach Westen „bis zum Arlberg, wenn es sein muß“ – erinnert er sich an die damalige Aufbruchstimmung. „Ich habe damals beim Frisör in einer Illustrierten etwas über die Arlberg-Gastronomie gelesen, sonst kannte ich ja praktisch keine Wirtshäuser in denen Flaschenweine verkauft wurden“, schmunzelt Kollwentz, dessen Tropfen heute in fast allen Top-Restaurants zwischen Boden- und Neusiedlersee auf der Weinkarte stehen.
„Ich habe damals beim Frisör etwas über die Arlberg-Gastronomie gelesen…“
Die Pilgerreise der kleinen burgenländischen Weinbauern, die auszogen, um den Westen zu erobern gestaltete sich zwar durchaus mühsam, hatte aber dennoch Erfolg. Mit dem Alpenhotel Saalbach – übrigens nach wie vor ein Kunde des Hauses – fand man den ersten Abnehmer in der Gastronomie und tatsächlich gelangten Anton und Grete Kollwentz auch bis zum Arlberg. Als ersten konnten sie Gebhard Schneider vom Almhof Schneider in Lech von der Qualität ihrer Weine überzeugen, im Jahr darauf folgte dann Franz Moosbrugger vom Hotel Post. Neben jenen von Kollwentz selbst fand man damals in der Spitzengastronomie gerade einmal Weine von Josef Jamek, Franz Prager und Erich Salomon und von einer wirklichen österreichischen Weinkultur war noch längst nicht die Rede. Freilich fürchtete Gebhard Schneider, daß den Alemannen und ihren Gästen der Name Kollwentz allzu schwer über die Lippen gehen könnte. Also legte man sich einen Betriebsnamen zu und weil die Steine, aus denen der Gewölbekeller in Großhöflein gemauert ist, aus dem Römersteinbruch von St. Margarethen stammen, wurde das Weingut zum „Römerhof“. Der taucht heute auf den Weinetiketten nur noch in sehr kleinen Lettern auf, denn inzwischen haben wohl sämtliche Weinfreunde gelernt, den Namen Kollwentz auszusprechen und ihn sich auch zu merken.Mit dem Verkauf von Weinen allein war die Sache aber für Toni Kollwentz noch nicht abgetan; immer öfter dienten seine Reisen auch der Weiterbildung, Kollegen im Ausland wurden besucht und Know-how gehamstert, wo immer es nur ging. Durch Zeitungen und Bücher über den Weinbau in Frankreich gelangte er schließlich zur Überzeugung, daß er diese kleinen, neuen Eichenholzfässer, genannt „Barrique“ oder wie der Burgenländer oft sagt „Baaarique“ ausprobieren müßte. Also kaufte er 1984 ein Faß, füllte den 83er Cabernet Sauvignon ein und wartete einmal ab. Nach zwei, drei Wochen hatte der Wein einen intensiven Holzton angenommen und Kollwentz zog den Schluß: „Der ist hin!“
Nach zwei, drei Wochen zog Kollwentz den Schluß: „Der ist hin !“
Freilich gab er die Hoffnung nicht ganz auf, verkostete den Wein immer wieder und schließlich auch mit Top-Gastronom Günther Winter vom Wiener Hauswirth. Als der gleich das ganze Faß kaufen wollte, dämmerte es Kollwentz, daß der Wein so schlecht wohl doch nicht sein konnte.
Die Frage Barrique ja oder nein gehört, was die Rotweine betrifft, für Anton und Andi Kollwentz eigentlich der Vergangenheit an. „Praktisch alle Rotweine kommen zumindest teilweise ins Barrique, unterschiedlich sind nur die Mengen, die Zeit und das Alter der Fässer“, erläutert der Junior. Auch Süßweine sehen – richtig dosiert – das kleine Eichenfaß und neben dem Chardonnay von der Ried Tatschler, der im Barrique vergärt, hat man sich mit dem 97er Jahrgang auch für den überaus kraftvollen Sauvignon blanc etwas überlegt. Exakt 8 Prozent der Gesamtmenge erhalten den zarten „Kuß des Holzes“, ehe sie wieder mit dem Rest „vermählt“ werden.
Überhaupt hat es der 97er gut gemeint mit den Leuten vom Römerhof. Nachdem vom Jahrgang 96 wegen mangelnder Reife die Top-Rotweincuvée Steinzeiler erst gar nicht produziert wurde, lachte den Winzern 1997 das Glück des Tüchtigen. Bei schönen Erntemengen wurde Spitzenqualität sowohl bei den Weiß- als auch bei den Rotweinen erzielt und auch Eiswein und Trockenbeerenauslese präsentieren sich schon im Faß grandios. Nur eines ist nicht gelungen: Barbara, das zweite Töchterchen von Andi ließ sich Zeit und kam erst am 2. Jänner 1998 zur Welt, obwohl doch bereits so tolle „Geburtsjahr-Weine“ vorbereitet gewesen wären. Für den Winzer ist das freilich ein Auftrag: „Da heißt es eben 1998 wieder ordentlich Gas geben!“


