Wein als Wirtschaftsfaktor: Ein Lokalaugenschein im Weinviertel

Wein ist nicht nur Genussmittel und ein Kulturgut, das in unserer Gesellschaft fest verankert ist, sondern auch ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. Das belegt eine Wertschöpfungsstudie der EconomicaGmbH im Auftrag der Österreich Wein Marketing GmbH (ÖWM): Die heimische Weinwirtschaft sichert mehr als 68.000 Arbeitsplätze, erwirtschaftet eine jährliche Bruttowertschöpfung von 3,8 Milliarden Euro – fast ein Prozent der gesamten österreichischen Wirtschaftsleistung – und trägt mit 1,2 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben erheblich zu den öffentlichen Einnahmen bei. Eine Wein-Expedition ins Weinviertel zeigte, wer die Menschen hinter diesen Zahlen sind, wie sie arbeiten und wirtschaften und was ihr Tun für die Region, für ihre Bewohner und für ihre Gäste bedeutet. 

Fotos: ÖWM/Anna Stöcher

Eine Reise ins Weinviertel – stellvertretend für alle Weingebiete in Österreich – folgt den Spuren vom jahrtausendealten Kulturgut hin zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Denn Wein fungiert längst als Motor für Wertschöpfung – und zwar weit über das Achterl hinaus: „Die Weinwirtschaft in Österreich sichert heute mit rund 10.000 Betrieben und einer Rebfläche von etwa 44.000 Hektar rund 68.000 Arbeitsplätze und erzielt eine Bruttowertschöpfung von 3,8 Milliarden Euro pro Jahr. Dadurch werden jährlich rund 1,2 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben in die öffentlichen Kassen gespült“, zeigt Chris Yorke, Geschäftsführer der Österreich Wein Marketing, die beachtlichen Ergebnisse der aktuellen Wertschöpfungsstudie auf. 

Die Familienbetriebe tragen den österreichischen Weinbau

Diese Leistungen generieren in erster Linie Familienbetriebe, denn 95 Prozent der heimischen Weinbaubetriebe befinden sich in Familienhand. Generation für Generation geben sie ihr Wissen weiter und tragen damit nicht nur zur hohen Qualität, sondern auch zur Identität des österreichischen Weins bei. Ein Beispiel für einen solchen Familienbetrieb ist das Weingut Gruber in Röschitz. Hier zeigt sich, wie tief Innovation und Tradition miteinander verwoben sind. Die drei Geschwister Maria Wegscheider, Ewald Gruber und Christian Gruber führen bereits in dritter Generation mit Verantwortung weiter, was ihnen übertragen wurde. Der traditionsreiche Familienbetrieb produziert und exportiert hochwertigen Wein – doppelt zertifiziert nach biologischen Richtlinien und „Nachhaltig Austria“. Damit steht der Weinbaubetrieb stellvertretend für einen generellen Trend, der das naturnahe und langfristige Denken der österreichischen Weinwirtschaft einmal mehr unterstreicht: Bereits rund 40 Prozent der österreichischen Weinbauflächen werden zertifiziert umweltbewusst bewirtschaftet – biologisch, biodynamisch oder gemäß „Nachhaltig Austria“-Standards. Besonders hervorzuheben ist dabei der Bio-Anteil: Österreich nimmt hier mit dem höchsten Anteil an biologisch bewirtschafteter Rebfläche unter allen relevanten Weinbaunationen weltweit die Spitzenposition ein.

Johannes Schmuckenschlager: Wein ist kein Industrieprodukt

Das macht für Johannes Schmuckenschlager, Präsident des Österreichischen und Europäischen Weinbauverbands, deutlich: „Wein ist kein Industrieprodukt, insbesondere nicht in Österreich. Jeder Jahrgang ist ein Unikat, geprägt von Wetter, Boden und der Handschrift der jeweiligen Winzer*innen. Diese Form der handwerklichen Veredelung macht Wein zu einem der sensibelsten landwirtschaftlichen Produkte überhaupt.“ Gerade die aktuellen Wetterextreme stellen die heimischen Winzer*innen vor große Herausforderungen. Mit Erfahrung, Fingerspitzengefühl und gezielten Maßnahmen reagieren sie laufend auf die sich rasch verändernden Bedingungen, um die Reben bestmöglich zu schützen.

Die Wertschöpfung im Glas

Wein endet allerdings nicht im Weingarten. Ein paar Kilometer weiter öffnet sich der Blick – und mit ihm eine neue Dimension der Wertschöpfung. Auf der Weinterrasse Pulkau wird spürbar, was passiert, wenn Wein und Gastronomie aufeinandertreffen: Mit rund 1,5 Milliarden Euro sind Gastronomie und Beherbergung die größten Profiteure der Weinwirtschaft. Das entspricht fast 39 Prozent der gesamten Wertschöpfung, die durch den Wein in Österreich entsteht. Mehr als die Hälfte des Weins wird in Österreich bei gemeinsamen Mahlzeiten in Gaststätten und bei Veranstaltungen konsumiert. Und genau darin liegt seine besondere Kraft: „Wein ist kein beliebiges Getränk, sondern ein Naturprodukt, das dafür prädestiniert ist, mit Achtsamkeit und Wertschätzung konsumiert zu werden“, betont Chris Yorke. Anders als andere alkoholische Getränke ist Wein auf Genuss ausgerichtet, auf die Kombination mit Speisen und auf das gemeinsame Erlebnis. Seine Vielfalt macht ihn zum idealen Begleiter für nahezu jede Küche und zum verbindenden Element zwischen Menschen. 

Klaus Egle: Gastronomie ist die wichtigste Absatzschiene

Trotz wirtschaftlicher Herausforderungen wie Inflation bleibt die Treue zum heimischen Wein hoch: Rund 90 Prozent des in der Gastronomie ausgeschenkten Weins stammt aus Österreich. „Damit ist die heimische Gastronomie die mit Abstand wichtigste Absatzschiene für den österreichischen Wein“, so Wirtshausführer-Herausgeber Klaus Egle, der auch darauf hinweist, wie positiv und dynamisch sich die Weinkultur im Wirtshaus während der vergangenen drei Jahrzehnte entwickelt hat: „Als wir im Jahr 1999 den Wirtshausführer begründet haben, steckte die Weinkultur im Wirtshaus noch in den Kinderschuhen und wir haben gemeinsam mit der ÖWM die Auszeichnung ’Weinwirt des Jahres’ ins Leben gerufen, die wir nach wie vor alljährlich an je einen Betrieb pro Bundesland vergeben. Damit konnten wir einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass Wein heute im Wirtshaus ganz selbstverständlich dazu gehört, ebenso wie eine Auswahl an offen ausgeschenkten Bouteillenweinen, ein kompetenter Weinservice und eine entsprechend hochstehende Glaskultur.“

Weintourismus: Der Wein als Erlebnisfaktor

Im Weingut Hindler in Schrattenthal, der kleinsten Weinstadt Österreichs, wird deutlich, dass Wein für viele Menschen auch ein Reisemotiv ist. Weintourismus ist längst ein bedeutender Wirtschaftsfaktor: Rund 653 Millionen Euro – etwa zwölf Prozent der gesamten Wertschöpfung, die durch den Wein in Österreich entsteht – entfällt auf diesen Bereich. Allein auf die vier großen Weinbundesländer Niederösterreich, Burgenland, Steiermark und Wien entfallen 362 Millionen Euro (gegenüber 291 Millionen Euro in Restösterreich). Doch Zahlen erzählen nur einen Teil der Geschichte. Wer durch die Weingärten radelt, im Weinkeller edle Tropfen verkostet oder beim Heurigen einkehrt, erlebt mehr als nur ein Produkt. Wein schafft Raum für Genuss, Begegnung, Entschleunigung und echtes Erleben. Das unterstreicht auch die Wertschöpfungsstudie der Österreich Wein Marketing. Demnach entscheiden sich fünf Prozent der Urlauber*innen in Österreich ganz bewusst für einen Weinurlaub und geben dabei durchschnittlich 18 Prozent pro Tag mehr aus als andere Gäste. „Wein befeuert nicht nur eine hochwertige Form des Tourismus, sondern stärkt zugleich auch ländliche Regionen, die ohne ihn wirtschaftlich oft nur schwer nutzbar wären“, betont Johannes Schmuckenschlager.

Zwischen Presshaus und Plauderei: Beim Wein kommen die Leut’ z’samm

Wein prägt das Landschaftsbild in Österreich also weit über Weingärten hinaus. Das veranschaulicht auch die Öhlbergkellergasse in Pillersdorf – ein Ort, der sinnbildlich für die Seele des Weinviertels steht. Die Weinviertler Kellergassen, seit 2022 Teil des immateriellen UNESCO-Kulturerbes, sind weit mehr als eine architektonische Besonderheit. Sie sind gelebte Kultur. Hier treffen sich Menschen seit Jahrhunderten – in Presshäusern und Kellern, nach festen, oft unausgesprochenen Regeln. Es geht um Austausch, um Gemeinschaft, um das Miteinander. Wie lebendig diese Tradition bis heute ist, zeigt Kerstin Schüller vom Weingut Schüller, die als zertifizierte Kellergassenführerin Besucher:innen persönlich durch die Öhlbergkellergasse führt und dabei Weinbaugeschichte, Handwerk und regionale Identität authentisch vermittelt. Der familiengeführte Betrieb, den sie gemeinsam mit Helga und Nadine Schüller führt, ist mit einem über 500 Jahre alten Keller selbst Teil dieses historischen Ensembles und verbindet damit Weinproduktion unmittelbar mit gelebtem Kulturerbe. Wein wird hier einmal mehr zum sozialen Katalysator: Ob im kleinen Kreis, bei Festen oder einfach beim Zusammensitzen – Wein schafft Momente, die bleiben und Momente, die zeigen, dass Wertschöpfung nicht nur in Zahlen messbar ist, sondern auch in Lebensqualität.

Weiterführende Informationen zur Wertschöpfungsstudie finden sich unter:

https://www.oesterreichwein.at/presse-media/pressetexte/news/article/wo-wein-fliesst-pulsiert-wirtschaft