Wien: Wiederauferstehung im Tempel


Der „Tempel“ in der Wiener Praterstraße war bis zu seiner Schließung eine Institution. Thomas Edlingers „Pan e Wien“ in der Salesianergasse ebenso. Jetzt feiert Edlinger im Tempel eine genussvolle, doppelte „Wiederauferstehung“.

Gerade einmal einen Monat hatte die in Richtung Pension entschwebende Familie Warzwiesinger die Tür im Innenhof der Praterstraße 58 geschlossen, dann sperrte sie Thomas Edlinger wieder auf. Der langjährige Patron des kleinen, feinen italienischen Lokals „Pan e Wien“ und Initiator des Wiener Trüffelmarktes hat es immerhin rund drei Jahre lang ohne eigenes Wirtshaus ausgehalten. Dann ging es einfach nicht mehr. „Das Feuer brennt wieder“, meint der Küchenmeister durchaus doppeldeutig und darum lodert die Gasflamme jetzt in der Küche des Tempels, dessen Namen nur geringfügig auf „Geschmacks-Tempel“ erweitert wurde.


Bring your family

Wie gehabt ist der Tempel ein etwas verstecktes Refugium, das erst einmal gefunden werden will – doch sobald man das in ehemaligen Pferdestallungen untergebrachte Lokal gefunden hat, wird klar, dass es sich gelohnt hat. Schön gemütlich ist der Schankraum, eine richtige Wirtsstube eben, etwas feiner mit Stoffservietten & Co. geht es im Restaurantbereich zu. Insgesamt aber alles durchaus niederschwellig, fürchten muss sich hier keiner und dazu tragen auch die freundlichen Menschen bei, die sich hier um die Gäste kümmern. Edlinger zur Seite stehen seine Frau Sabine und sein langjähriger Pan-e-Wien-Partner Wolfgang Hetzel und zeitweise auch der in vielen Top-Häusern des Landes geschulte Sohn des Hauses, die dafür sorgen, dass hier kein Glas leer und kein Gast kulinarisch unterversorgt bleibt. Von 11 bis 23 Uhr ist die Küche offen und schickt köstliche Kleinigkeiten wie Steckerlfisch mit Zitronenöl, Flammkuchen mit gebeizter Forelle auf Räuchercreme und rotem Mangold, Gratiniertes Rindermark mit Schnittlauch und Nussbrot oder ein höchst feines Hirschkalbsbeuscherl im Glas mit Semmelknödel ins Rennen. Mittag und Abend gesellen sich dazu unter anderem die Kürbiscremesuppe mit Trüffel aus dem Wienerwald, ein kalt geräuchertes Hirchcarpaccio mit gebratenem Topinambur und eingelegten Brombeeren, Pilzravioli „Piemont“ als Reverenz an Edlingers italophilen Background oder die Waldviertler Bauernente auf Kohlsprossen und roten Rüben.


Sinnvoll kochen mit Quellenangabe

Erklärt der Küchenchef seine Gerichte, so wird schnell klar, dass er seine regionalen Lieferanten alle persönlich kennt und dass hier vom Teig für den Feuerfleck über die eingelegte Feldgurke bis hin zum geräucherten Hirschcarpaccio – der Hirsch kommt aus der Lobau – was immer möglich ist, eigenhändig fabriziert wird. Unsere Anregung, das noch stärker auf der Speisekarte auszuloben, überrascht den überragenden Küchenhandwerker, der seine Karriere einst im Schlachthof gestartet hat, was in Sachen Glaubwürdigkeit kaum zu toppen ist, fast ein bißchen, denn er meint: „Das ist doch selbstverständlich!“ Auf die Frage, wie er seinen Küchenstil im neuen Domizil beschreiben würde, kommt kurz und knapp: „Sinnvoll kochen!“ Und er erklärt, was das für ihn bedeutet: „So wenig wie möglich importieren. Natürlich liebe ich Thunfisch – aber der Preis, den wir heute dafür bezahlen, ist zu hoch. Nicht monetär, sondern im Sinne der Auswirkungen auf das gesamte Öko-System!“ Ihm geht es um sinnvolles kochen und wir freuen uns, dass wir hier ab sofort sinnvoll genießen dürfen.

Geschmacks-Tempel

1020 Wien, Praterstraße 56

Tel. 0676/751 52 74

Geöffnet: Dienstag bis Samstag 11 – 23 Uhr